Unser Verkostsystem

In den ersten Jahren des Bestehens von spiritsmedia veranstalteten wir eine Reihe von Verkostungen für Magazine wie Vinaria oder Falstaff, die wir in Form großer Fachjurien organisierten. Geladen waren Weinfachleute, Brenner, Journalisten, Gastwirte etc. Die Ergebnisse aus solchen Veranstaltungen waren nach unserer Erfahrung aber so ambivalent, dass wir uns von diesem System bald wieder verabschiedeten. Die Gründe dafür liegen auf der Hand:
- Nivellierung durch große Jury: Je größer eine Verkostergruppe ist, desto eher erhält man am Ende einen Mittelwert – Ausschläge nach oben und unten in der Bewertungsskala werden abgeschliffen, die Bewertung schließlich wenig aussagekräftig.
- Wertungen nicht vergleichbar: Werden die Proben dagegen auf verschiedene kleine Teams aufgeteilt, erhält man sehr heterogene Beurteilungen, die aber unter einander nicht mehr vergleichbar sind – verkostet einen Gruppe etwa nur Kirsch, die andere Marille, kann man die Wertungen letztlich nicht neben einander stellen und vergleichen. Jede Gruppe bewertet anders.
- Unberechenbare Teams: Verkosterteams, dessen Mitglieder einander nicht sehr gut kennen und regelmäßig miteinander verkosten, werden keine homogenen Wertungen hervorbringen. Die Dynamik innerhalb von Gruppen darf man nicht unterschätzen – es gibt viele Möglichkeiten der Einflussnahme – das merkt man aber oft erst hinterher.

Aufgrund dieser Erfahrungen haben wir uns sehr bald entschlossen, nur noch in einer sehr kleinen, homogenen Gruppe zu verkosten. Auf das Urteil von Laien oder Prominenten, wie diese manche Organisatoren auch bevorzugen, haben wir stets verzichtet. Die Vorteile unserer Methode sehen wir darin, dass:
- Homogene Wertungen: Die Verkostung dauert zwar insgesamt viel länger, aber ein einziges Team verkostet sämtliche Brände. Nur dadurch werden die Wertungen auch untereinander vergleichbar!
- Ausgeglichenes Team: Ein Team, das so lange und intensiv miteinander verkostet kann nicht anders als sehr ausgewogen sein. Das macht sich positiv in den Resultaten bemerkbar.
- Gesunder Zwang zur Wertung: Das Team muss sich auf ein Urteil einigen und kann die Bewertung nicht auf eine Oberjury abwälzen. Kommt es zu keiner Einigung, wird der Brand erneut vorgelegt, was bis zu viermal geschehen kann.
- Konzentriertes Arbeiten: In einem guten und eingespielten Team erkennt man gegenseitig, wann es Zeit wird, eine Pause zu machen. Sich das rechtzeitig einzugestehen halten wir für sehr wichtig.
- Beschreibungen aus einem Guss: Die Beschreibungen werden sofort und gemeinsam erstellt, was eine viel aussagekräftigere Darstellung ergibt, als wenn ein Redakteur nach der Verkostung einen Text aus den Notizen vieler Koster "zusammenbasteln" muss – ohne den Brand vor sich zu haben.
- Keine Schnapsbrenner: In unserer Jury sitzen keine Brenner - aus lauter Angst, das eigene Produkt nicht zu erkennen und möglicherweise schlecht zu bewerten, liefern diese nicht selten kaum nachvollziehbare Wertungen.

Grundsätzlich gilt für unsere Methode:
- Gut gereifte Destillate: Die Verkostung wird zu einem Zeitpunkt angesetzt, zu dem die Brände des neuen Jahrganges ausreichend Zeit zum Reifen hatten –jeweils gegen Ende Juni.
- Ausreichend belüftet: Die Destillate werden schon einige Tage vor der Verkostung geöffnet und ein Teil der Flasche entleert – so kann der Brand atmen, was unserer Erfahrung nach sehr wichtig ist.
- Richtig temperiert: Die Destillate werden bei einer Temperatur von 16-18 °C vorgelegt.
- Geordnete Reihenfolge: Verkostet wird stets aufsteigend nach dem Alkoholgehalt der Destillate. Jede andere Reihung würde den Gaumen verwirren.
- Verdeckte Verkostung: Jeder Brand wird zweifach verkostet: Neu bei der Verkostung für Falstaff ist, dass jedes Destillat zur größeren Absicherung der Wertung nun mindestens zweimal blind verkostet wird.
- 3 Glastypen: Sämtliche Destillate werden aus drei verschiedenen Glastypen verkostet. Nur so lassen sich alle Nuancen erriechen – siehe dazu "Unsere Glastypen".
- Gesamteindruck zählt: Die Bewertung folgt dem Gesamteindruck, den ein Destillat hinterlässt. Das getrennte Bewerten einzelner Faktoren und das nachträgliche Summieren zur Endwertung halten wir für keinen guten Weg. Was unserer Ansicht nach stimmen muss ist der Brand als Gesamtes – das beinhaltet Charakter, Konsequenz von Duft und Geschmack sowie Struktur, ganz abgesehen von der Fehlerlosigkeit. Ein guter Verkoster hat rasch ein Bild von dem, was er organoleptisch gerade wahrnimmt und kann einem Destillat innerhalb des 100-Punkte-Schemas eine glaubhafte und vergleichbare Wertung zuschreiben. Dazu ist es nicht notwendig, etwa bei Fehlern Punkte abzuziehen, denn auch der Gesamteindruck kann bei einem Fehler kein guter sein. Auch ein Konsument denkt kaum an Punkte, wenn er einen Schnaps trinkt, er hat vielmehr einen Gesamteindruck.
- Absolute Unvoreingenommenheit: Als oberstes Gebot gilt uns die Unvoreingenommenheit. Was neben absoluter Sauberkeit zählt, sind die Authentizität eines Brandes und das Trinkvergnügen, das er bereitet. Die Erfahrung lehrt uns darüber hinaus, bei manchen Fruchtsorten darauf Rücksicht zu nehmen, dass sie eben schwieriger zu brennen sind oder keine so bombastischen Aromen hervorbringen können wie andere. Persönliche Vorlieben dürfen dabei keine Rolle spielen.
Nicht selten versuchen Brenner uns in eine Schublade zu stecken indem sie behaupten wir würden höherprozentige Brände bevorzugen oder etwa holzfassgereifte schlechter bewerten, hätten eine Vorliebe für die Quinta Essentia oder eine Abneigung gegen Traubenbrände. Wichtig ist, dass ein Produkt in sich stimmig ist, dass der Alkoholgehalt angemessen ist, dass etwaiger Holzeinsatz das Destillat unterstützt und nicht begräbt, dass erkennbar ist, welche Frucht hier verarbeitet wurde, die Struktur und Nachhaltigkeit stimmen.
- Laboruntersuchung: Weil wir nachträgliches Zucker für ein untaugliches Mittel zur Schönung von Destillaten halten, lassen wir den Zuckergehalt der Destillate im Labor überprüfen.